Wie frei sind freie Lektor*innen?

Veröffentlicht am 21.09.2021 von Veronika Weiss
© Konstantin Odin

Freie Lektor*innen haben oft einen sehr diversen Kundenkreis. Mir geht es so, und ich stelle mir die Frage: Wie geht man mit den unterschiedlichen Erwartungen um? Muss man ab und zu sogar Zugeständnisse im Hinblick auf die Textqualität machen?

Je weiter man sich aus der Verlagslandschaft herauswagt auf das weite Feld des freien Lektorats, desto vielfältiger wird der Kundenkreis. Beim Verlassen der geschützten Umgebung voller Literaturexpert*innen, findet man sich in einer Welt wieder, die von Menschen mit verschiedenen Biografien und sehr individuellen Wünschen an ein Lektorat bevölkert wird. Damit gehen unterschiedlichste Erwartungshaltungen einher, auf die man sich als eingefleischter Textmensch erst einmal einstellen muss.

Mit Text wird überall gearbeitet

Jede Person steht in ihrem Werdegang woanders, hat besondere Kompetenzen und Spezialgebiete, einen individuellen Zugang zu Sprache, Lesen und Schreiben. Und die meisten Menschen sind keine Textexpert*innen, auch wenn sie ihr Wissen oder ihr Angebot in Buchstabenform verbreiten. Aus genau diesem Grund werden wir ja konsultiert.

Somit gibt es immer neue Thematiken, die bei der Textarbeit zur Herausforderung werden können. Solange wir uns nicht spezialisieren, kann Geschriebenes aller Art auf dem Tisch landen: Webseitentexte, ein Selfpublishing-Debüt, Video-Untertitel, eine Bachelorarbeit, eine Speisekarte, Flyer, Marketing-Newsletter, eine wissenschaftliche Veröffentlichung und so weiter. Der Vorteil dessen ist offensichtlich: Diversität und spannende, vielfältige Aufgaben. Ein kleiner Nachteil entsteht vielleicht, wenn die Gegebenheiten die eigenen textlichen Ideale unterminieren …

Unterschiedliche Erwartungen als Herausforderung

Wir möchten doch Texte perfektionieren, beste Qualität liefern und die Ansprüche an unsere Arbeit hochhalten. Das klingt ehrenhaft. Bei genauerer Betrachtung ist es aber ein wenig elitär und sogar eitel. Warum elitär? Erst durch ausreichend Erfahrung – nach jahrelangem Studium eines Fachs oder exzessivem Lesen – bekommen wir einen Rundumblick über ein Spektrum an textlichen und literarischen Inhalten und können auf seriöser Basis qualitative Abstufungen zu treffen. Warum eitel? Weil es hier nicht um uns geht. Wir erbringen eine Dienstleistung. Wir dienen jemandem, stellen uns in den Dienst einer Sache. Es geht um die Wirkung von Texten und darum, sie Schritt für Schritt besser zu machen.

Kundenbedürfnisse vs. eigener Qualitätsanspruch?

Müssen wir dafür unseren Qualitätsanspruch an uns selbst verraten? Keineswegs, finde ich. Fehlerfreiheit, ein angemessener Stil und inhaltliche Richtigkeit sind ein Muss. Aber es ist unsinnig, penible Korrekturen anzubringen, die weder der Text noch das Gegenüber im Moment vertragen. Sie setzen ja ein Kleinkind auch nicht aufs Einrad, wenn es gerade mal das Dreiradfahren beherrscht. Stützräder sind dann die richtige Wahl, um den Fortschritt zu begleiten. Wenn das Radeln damit gut klappt, können die weg, und bei viel Talent kann es irgendwann das Einrad sein. Mit Jonglierbällen.

Für Buchstabenartist*innen beginnt hier erst der Spaß. Und wenn wir alles richtig machen, haben wir es durchaus auch mit echten Könnerinnen zu tun, mit Literaturenthusiasten und Textprofis. Wo genau unser*e Auftraggeber*in steht, das gilt es, respektvoll zu erspüren. Halten wir also unsere eigenen Qualitätsansprüche hoch und bleiben wir ihnen treu, setzen wir aber stets den angemessenen Fokus. Damit machen wir ein Schriftstück maßgeblich besser und erbringen die Dienstleistung, die von einem freien Lektorat erwartet wird.

Unsere Kolumnistin

Veronika Weiss (36) ist in Wien aufgewachsen und hat dort Germanistik und Musikwissenschaften studiert. Nach Praktikum und Elternzeitvertretung arbeitet sie in Hamburg als Lektorin in der Verlagsgruppe HarperCollins (Cora Verlag) und nebenbei frei als Texterin. Im Börsenblatt schreibt Weiss unter anderem über Trends in der Arbeitskultur, Berufseinstieg und Work-life-Balance.