Frust im Job. So gelingt die berufliche Neuorientierung

Veröffentlicht am 07.06.2022 von Interview mit Elke Wagenpfeil
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Frau Wagenpfeil, wie orientiert man sich beruflich neu?

Da gibt es einiges zu beachten. Zuallererst heißt es zu analysieren, wo man gerade im Berufsleben steht. Wichtige Fragen dabei sind: Was genau macht mich unzufrieden? Wie lange geht das schon so? Gab es auch einmal Phasen in meinem Leben, wo ich beruflich zufriedener war und was genau war damals anders? Diese Standortbestimmung ist essenziell, um danach an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Denn sonst kommt man schnell „vom Regen in die Traufe“.

Wie findet man denn seinen Traumberuf?

Ich spreche lieber vom Lieblingsjob oder dem stimmigen Job, denn im Wort „Traum“ steckt immer ein stückweit etwas „Abgehobenes“ vom realen Leben, also etwas, was es nur im Traum gibt. Während der Traumphasen im Schlaf sind wir stark im Unbewussten. Bei einer beruflichen Neuorientierung gilt es aber, ganz viel Bewusstsein herzustellen. Ständig liest man Artikel wie „So findest du in drei Schritten deinen Traumjob“. Das erzeugt bei vielen Menschen einen ungeheuren Druck und sie fragen sich, warum es bei ihnen nicht so einfach geht. Drei Schritte sind aber in der Regel nicht drei Nachmittage. Um den stimmigsten nächsten beruflichen Schritt zu gehen, ist es aus meiner Erfahrung wichtig, erst einmal ganz viel über sich selbst herauszufinden. Was sind meine Stärken? Was interessiert mich? Und von welchen Werten werde ich geleitet? Daraus bilden sich dann im nächsten Schritt die beruflichen Ziele. Und dabei gilt es für viele Menschen, so manche  innere und äußere Hürde zu überwinden. Das Alles ist gut machbar, aber es erfordert die richtige Einstellung und einiges an Energie. Und die Bereitschaft, Prioritäten zu setzen, denn alle Wünsche werden in den seltensten Jobs erfüllt sein.

Wie lange dauert es, bis man einen neuen Job gefunden hat?

Das hängt sehr davon ab, wie viel Zeit und Energie Sie investieren. Und natürlich auch, wie weit sich der neue Job vom alten unterscheidet. Ich unterteile berufliche Neuorientierungen gerne in Gradzahlen. Eine 180° Veränderung bedeutet, etwas völlig anderes im Vergleich zum Bisherigen zu tun. Zum Beispiel wenn jemand, der im Vertrieb von digitalen Medienprodukten gearbeitet hat, ein Medizinstudium beginnt und Arzt wird. Das dauert mehrere Jahre. War diese Person vorher aber zum Beispiel als Ingenieur oder Biologe im Vertrieb von Medizintechnik tätig, ist die Veränderung schon geringer, sagen wir mal 150°, trotzdem noch ziemlich groß. Nehmen wir mal ein anderes Beispiel. Jemand der als Mediendesigner bei einer Agentur gearbeitet hat, wechselt nun in die Abteilung Mediendesign in ein Unternehmen, dann ist das eine kleine Neuorientierung, sagen wir mal 10°. Es gibt so genannte Job-Cluster, in denen Menschen oft leichter und schneller hin und her wechseln, das ist zum Beispiel der Bereich Marketing, Medien und Vertrieb. Ein anderes Cluster ist der Bereich Consulting, Projektmanagement und Unternehmensstrategie. Ein weiteres Cluster ist zum Beispiel Revision und Compliance. Es gibt zahlreiche weitere Cluster in der Berufswelt, innerhalb derer man mit der richtigen Strategie und überschaubaren Weiterbildungen schneller einen neuen Job findet.

Man muss also oft gar nicht neu studieren oder sich beruflich völlig neu orientieren?

Nein, oft reicht es, sich klar zu werden, was die eigenen Kernstärken sind.  Denn Sie werden bessere berufliche Entscheidungen treffen, zufriedener sein und eher wissen, für welche Aufgaben und Rollen im Job Sie „gemacht“ sind. In meiner langjährigen Erfahrung als Karriereberaterin sehe ich immer wieder, dass Menschen zu den Zeiten ganz besonders glücklich und zufrieden sind, in denen Sie Ihre Kernstärken im hohen Ausmaß leben können. Und dabei spielt die Nummer 1-Stärke eine riesengroße Rolle. Wichtig ist also, auf die Suche zu gehen, was man besonders gut kann und gerne macht, also das, was das Herz höher schlagen lässt und einen energetisiert.

Können Sie ein Beispiel bringen?

Bleiben wir beim Vertrieb. Jemand mit einer hohen Wissbegier und der Stärke, Dinge neu zu denken, passt zum Beispiel gut in den Teilbereich Business Development. Jemand mit einer hohen Überzeugungskraft und der Fähigkeit, Bedürfnisse bei anderen zu erkennen, passt gut in das Key Account Management. Hingegen jemand mit einer hohen Zahlenaffinität und analytischem Blick passt besser zur Vertriebssteuerung bzw. in den Bereich Sales-Analytik. Sie sehen, Sie müssen nicht gleich das komplette Berufsfeld wechseln, um Ihre Kernstärken besser leben zu können. Doch wenn es im bisherigen Feld keinen Bereich gibt, in dem man seine Stärken wirklich gut leben kann, oder auch die Interessen ganz andere sind, heißt es das Berufsfeld zu wechseln.

Wie geht man denn eine größere berufliche Neuorientierung an?

Je weiter sich das zukünftige Tun vom bisherigen unterscheidet, umso gezielter muss man vorgehen. Neben der Analyse der eigenen Stärken, Interessen und Werte ist ein Realitätscheck absolut wichtig. Hier gilt es, zu recherchieren, wie genau der neue Jobbereich aussieht, welche Vorteile und Nachteile es gibt und wie die Rahmenbedingungen sind. Je gründlicher Sie recherchieren, umso weniger Enttäuschungen werden Sie nachher haben. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es im Leben zwar nie, denn manchmal braucht es einfach Mut, Dinge anzugehen. Aber mit einem gründlichen Realitätscheck sind die Chancen sehr groß, die eigenen Vorstellungen im echten Arbeitsleben zu finden.

Wie findet man seine Stärken heraus?

Es gibt viele Ansätze, die eigenen Stärken herauszufinden. Bei einer meiner Lieblingsübungen sammle ich mit meinen Klienten mehrere Situationen in deren Leben, in denen sie für ein paar Minuten Raum und Zeit vergessen haben und sich sehr gut dabei gefühlt haben. Das Ergebnis muss nichts Grandioses gewesen sein, sondern einfach nur dem eigenen Gefühl nach etwas Stimmiges und Gutes. Dann gilt es genau hinzuschauen: Was genau hat die Person in der jeweiligen Situation gemacht? Was würde man sehen, wenn man mit der Kamera eine kurze Momentaufnahme festgehalten hätte? Welche Stärke zeigt sich in allen Situationen? Das ist wie ein Detektivspiel, man sucht sozusagen das Muster dahinter. Eine zweite Übung, die ich empfehle, ist die, sich ein Fremdbild einzuholen. Das heißt einfach Freunde, Familie, (ehemalige) Kollegen und Vorgesetzte anzusprechen und folgende Fragen zu stellen:Welche drei Haupt-Stärken siehst du bei mir? Wenn du mich einen Tag als Problemlöser buchen würdest, um welches Problem würde es sich handeln und mit welcher Stärke könnte ich dich dabei am meisten unterstützen?“ Das ist eine wunderschöne Übung und die Stärke, die sich am meisten wiederholt und von verschiedenen Seiten gesehen wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die größte Kernstärke.

Haben Sie noch einen Tipp für die Jobsuche?

Ich empfehle allen Menschen, den eigenen Wert und die eigenen Erwartungen gut zu kennen und zu kommunizieren. Sehr oft erlebe ich leider, dass sich Menschen schwer tun, ihre eigenen Stärken und Erwartungen zu kommunizieren. Ich war selbst 15 Jahre lang Personalerin in einem Konzern und war damals schon immer erstaunt, wie viele Bewerber auf die Frage nach ihren Stärken regelrecht erschraken. Es hat doch nichts mit Arroganz zu tun, wenn man sagt, was einem leicht von der Hand geht und was man gut kann. Darüber hinaus wünsche ich allen, auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber zu gehen. Wichtig ist, nachzufragen, wo zum Beispiel die Schattenseiten bei dem Job liegen, wieviel prozentual die einzelnen Aufgaben in der Stellenausschreibung das zukünftige Tun konkret ausmachen, und ob es noch Änderungen geben könnte. Leider machen nämlich etliche Unternehmen den Kandidaten im Vorstellungsgespräch ein „X für ein U“ vor oder wissen selbst noch nicht ganz genau, was sie wollen, und am Ende sieht der Job in der Realität ganz anders aus. Darüber hinaus empfehle ich, Fragen zur Unternehmenskultur zu stellen und zu prüfen, ob sie zu den eigenen Werten passt. Oft liegt die Ursache von Unzufriedenheit im Job nämlich nicht im inhaltlichen Tun, sondern am fehlenden ‚Cultural-Fit‘. Bedenken Sie immer, unser eigenes Leben ist nur eine klitzekleine Zeitspanne hier auf diesem Planeten und die gilt es, nicht zu vergeuden.

Zur Autorin:

Elke Wagenpfeil ist Diplom-Psychologin und Expertin rund um Job & Karriere. Als Coach unterstützt sie Menschen beim Entdecken ihrer Talente und auf ihrem beruflichen Weg. Viele Jahre hat sie selbst als Personalerin in einem internationalen Konzern Führungskräfte bei Personalbesetzungen weltweit beraten.

Mehr unter: www.career-coach.de

Von Elke Wagenpfeil ist bei GABAL der Ratgeber "Berufliche Neuorientierung" erschienen: