Wörter, unser größter Schatz

Veröffentlicht am 27.10.2021 von Veronika Weiss
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Abwechslungsreich und präzise zu formulieren: Das ist die Königsdisziplin für alle, die mit Sprache arbeiten. Differenziertes Vokabular macht Eindruck – und lässt sich trainieren. Zum Beispiel mit Scrabble

Wofür bewundern wir unsere Kolleg*innen? Für ihre Belesenheit und Allgemeinbildung, für ihr Sprach­gefühl – aber am schnellsten fällt doch auf, wenn jemand über einen großen aktiven Wortschatz verfügt. All die anderen Kompetenzen kommen durch virtuosen Sprachgebrauch erst richtig zur Geltung. Deshalb ist ein großer Wortschatz die ­Königsdisziplin für alle Menschen, die mit Text arbeiten.

Nicht nur schriftlich macht sich differenziertes Vokabular bemerkbar, sondern bei Telefonaten, Besprechungen, beim Vorstellen von Manuskripten, kurz: beim täglichen Reden. Von der ersten Kontaktaufnahme an färbt unser Wortschatz den Eindruck, den wir hinterlassen, denn seine Gestalt hängt unter anderem vom Bildungsstand und der Sozialisation ab. Er kann verschiedentlich geprägt sein, abhängig davon, welchen Sprachwelten wir uns aussetzen oder ausgesetzt sind.

Wörter machen Leute

Ich finde es oft erstaunlich, wie sich verschiedene Charaktere durch die Wortwahl manifestieren (sollen). Die folgenden Aussagen sind inhaltlich identisch, aber man ist versucht, die Sprechenden in gewisse Schubladen zu stecken: »Geil, das matcht mega mit uns, lass uns mal connecten.« »Ich bin gewiss, unsere Kompetenzen würden sich wechselseitig befruchten, und es sollte mich gar freuen, würden Sie unserer Kooperation zustimmen.« Die Art der Kommunikation bewirkt immer auch etwas im Raum zwischen zwei Menschen. Der Umgangston ist entscheidend, und für diesen steckt der Wortschatz einen Rahmen.

In der Buchbranche ist die Sache freilich besonders vertrackt: Wir sind allesamt darauf trainiert, Wortgebilde zu analysieren. Diese Gewohnheit lässt sich nicht einfach abschütteln, und so haben wir im Kolleg*innenkreis sehr aufmerksame, feinfühlige Zuhörer*innen. Beim Sprechen können wir nicht erst Synonymwörterbücher bemühen, um Begriffe kurzfristig aus unserem passiven in den produktiven Wortschatz zu heben, wie man es beim Schreiben ohne Weiteres tun kann. Ein schnell abrufbarer riesiger aktiver Wortschatz schindet Eindruck.

Eine Kollegin von mir verfügt über einen solchen. Beim ersten gemeinsamen Brüten über einem Text hat sie mich damit fast sprachlos gemacht. Wir suchten nach Synonymen, und sie konnte aus dem Stegreif zahlreiche aufzählen, in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Ich konnte einfach das passendste Wort auswählen. So ein Luxus!

Viel mehr als Vokabeln lernen

Später fragte ich mich: Wie macht sie das? Ist sie besonders talentiert, schnell oder geistesgegenwärtig? Wodurch wächst eigentlich die mentale Lexemsammlung? Und woran lässt sich überhaupt Fortschritt festmachen? Typische Wortschatztests online sagen ja schnell mal:  »Toll, du bist wie Goethe!« Der Selbsttest auf wortschatz.tk macht auf mich einen seriöseren Eindruck. Die didaktischen Methoden zur Wortschatzerweiterung sind leider noch nicht ausreichend erforscht, die Angebote in Schulen und Universitäten überschaubar. Es ist allerdings erwiesen, dass der Wortschatz von Schüler*innen mangelhaft ist. Und ich würde wetten, auch der vieler Erwachsener.

 »Learning by doing« klappt jedenfalls auch beim Wortschatz: Wenn ein Alternativausdruck nicht gleich da ist, schlägt man nach und kreist immer enger um den Ausdruck, der ins Schwarze trifft. Wobei die benachbarten Begriffe auch beachtet werden. So denkt man in unterschiedliche Richtungen und entdeckt so manche Wortfamilie. Übung macht bekanntlich die Meisterin. Es hilft, Texte aus unterschiedlichen Epochen und Themengebieten zu lesen, Unbekanntes sofort nachzuschlagen und Vokabelspiele wie Scrabble zu spielen. Mit Wortspaß zum Wortschatz, sozusagen.